Jeder dritte 8-jährige Junge ist zu dick, aber den Kindern wird erzählt: "Zucker macht nicht zuckerkrank"

Wie die Lebensmittelindustrie subtil in die Bildung unserer Grundschüler eingreift

Novemberausgabe der Pausenzeitung

Es gibt Dinge, die machen uns einfach wütend. Unser Sohn Felix geht in Österreich in die 3. Klasse Volksschule. Anfang November kam er mit der „Pausenzeitung“ nachhause, einer Monatszeitschrift, die ein Verlag den Schulen als Begleitmaterial für den Unterricht gegen ein Entgelt anbietet. Jedes Kind in der Klasse hat diese Zeitung in diesem Schuljahr für 16 Euro abonniert. Darin werden – so steht es auf der Website der Zeitschrift-  aktuelle Themen, Ernährung, Lebensmittel, Internet, Tiere, Berufsbilder und vieles mehr aufgegriffen und mit Arbeitsblättern ergänzt.

An sich eine ansprechend gestaltete Zeitung. Wir als Eltern -und sicherlich auch die Lehrer- sind davon ausgegangen, dass hier unseren Kindern neutral Wissen vermittelt wird. Doch in besagter Ausgabe ist uns ein Artikel schwer aufgestoßen, der sich dem Thema Zucker widmet, so sehr, dass wir beschlossen haben, an dieser Stelle darüber zu berichten.

Wie unseren Kindern bewusst Halbwahrheiten über Zucker vermittelt werden

In mehreren kleinen Infokästen erfährt der Grundschüler etwas zum Thema „Die Süße aus der Rübe“, zum Beispiel: „Wie bekommt man den Zucker aus der Rübe?“ oder „Was ist Zucker?“.

Ein Infokasten behandelt das Thema: Was bedeutet „zuckerkrank“? Dort steht wortwörtlich:

Bei der Zuckerkrankheit (Diabetes) kann der Körper nicht mehr genug Insulin bilden. Insulin ist ein Hormon, das der Körper ausschüttet, wenn du Kohlehydrate isst. Das Insulin bewirkt, dass immer nur so viel Zucker bereitgestellt wird, wie der Körper gerade braucht. Der Rest wird in der Leber und in den Muskeln gelagert. Wenn man Diabetes hat, gelingt das dem Körper nicht mehr gut. Das Insulin muss dann von außen etwa durch eine Spritze, zugeführt werden. Zucker selbst macht nicht zuckerkrank. Gesundes Essen und Bewegung können aber dabei helfen, dass man keinen Diabetes bekommt oder die Auswirkungen weniger schlimm sind.

Gerne möchten wir einige Sätze aus diesem kurzen Artikel genauer unter die Lupe nehmen, denn hier werden unseren Kinder -jetzt unterstellen wir es einfach mal- bewusst Halbwahrheiten vermittelt.

Im ersten Satz heißt es: Bei der Zuckerkrankheit (Diabetes) kann der Körper nicht mehr genug Insulin bilden.

Diese Aussage ist zwar nicht vollständig, aber hier drücken wir noch ein Auge zu. Richtig wäre gewesen, zu schreiben, dass der Körper entweder überhaupt kein Insulin mehr bildet (Diabetes Typ1) oder das Insulin nicht mehr genug wirkt (Diabetes Typ 2). Gut, kann man argumentieren, ein 8-Jähriger muss diesen Unterschied noch nicht kennen, auch wenn es natürlich schön wäre, wenn dieses Wissen frühzeitig vermittelt würde!

Im dritten Satz ist zu lesen: Das Insulin bewirkt, dass immer nur so viel Zucker bereitgestellt wird, wie der Körper gerade braucht.

FALSCH! Das Insulin schließt für den Zucker lediglich die Zellen auf, aber es wacht nicht darüber, wie viel Zucker der Körper gerade braucht. Seine Aufgabe ist es, den Zucker in die Zellen zu schleusen, in denen er in Energie umgewandelt wird. Der Zucker, den der Körper gerade nicht als Energie braucht oder als Reserve in Leber und Muskeln speichert, wandert in die FETTZELLEN! Die Fettzellen nehmen den Zucker dankbar auf und wandeln ihn in Fett um. Wenn wir also permanent mehr Zucker zu uns nehmen als unsere Muskeln, Organe und Gehirnzellen brauchen, dann nehmen wir an Gewicht zu. Das wird aber von der „Pausenzeitung“ mit keiner Silbe erwähnt.

4. Satz: Der Rest wird in der Leber und in den Muskeln gelagert.

Der Rest? Tatsächlich? Fehlt da nicht ein wichtiger Hinweis? Hier wurde leider versäumt zu erwähnen, dass Leber und Muskeln nur geringe Glykogen-Speicherkapazität haben. Glykogen heißt der Zucker, der in Leber und Muskeln zur Reserve gespeichert wird. Ist der Glykogenspeicher der Leber voll, dann wandelt die Leber den restlichen Zucker in Fett um, das sie bei sich lagert. Muss die Leber dauerhaft zu viel Zucker verarbeiten, entsteht eine FETTLEBER.

Wenn Muskelzellen genug Glykogen gespeichert haben, dann verrammeln sie einfach ihre Türen. Das Insulin hat dann keine Chance mehr und sucht sich Türen, die einfach zu öffnen sind. Das sind die Türen der Fettzellen!

Zucker selbst macht nicht zuckerkrank, aber ein Zuviel an Zucker sehr wohl!

Richtig wütend macht uns aber dieser Satz:  Zucker selbst macht nicht zuckerkrank.

Er macht uns deshalb so wütend, weil die Aussage stimmt. Wenn ich nur moderat Zucker konsumiere und mich normal bewege, dann bekomme ich höchstwahrscheinlich keinen Diabetes Typ 2. Nur sieht unsere Realität leider anders aus. Gerade die unserer Schulkinder. Die meisten Kinder bewegen sich zu wenig und nehmen zu viel Zucker zu sich, insbesondere in Form von Softgetränken, Säften und Süßigkeiten.

Daher muss bei einer neutralen Berichterstattung - und nichts anderes erwarten wir von einer Zeitschrift, die in der Schule eingesetzt wird- darüber aufgeklärt werden, dass ein dauerhaft hoher Zuckerkonsum durchaus (zucker-)krank macht! Dieser wichtige Aspekt wurde aber einfach weggelassen oder bewusst verschwiegen. Auf die Gefahren des übermäßigen Zuckerkonsums (Übergewicht, Adipositas, Typ 2-Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen,  Fettleber etc.) wird auch an keiner anderen Stelle des Artikels hingewiesen. Es ist zwar zu lesen: „Bewegt man sich zu wenig, kann das zu Übergewicht führen“. Es steht aber nirgendwo, dass Zucker auch zu Übergewicht führt!  „Sei sparsam mit Süßigkeiten“, heißt es nur, aber es wird nicht erklärt, warum man sparsam sein sollte. Auch hätte man unsere Schüler darüber informieren MÜSSEN, dass vor allem der Fruchtzucker in Softgetränken und Säften ungesund ist. Diese Getränke enthalten pro Liter rund 40 Stück Würfelzucker! Mit ein Grund weshalb immer mehr Kinder an Diabetes Typ 2 erkranken!!!

Kooperationspartner der Zeitung für Grundschüler ist die Lebensmittelindustrie

Dass nur das Positive des Zuckers hervorgehoben wird, hat uns stutzig gemacht. Warum wird in einer Zeitung, die ja offensichtlich einen Bildungsauftrag hat, nirgendwo vor übermäßigen Zuckerkonsum und dessen Folgen gewarnt? Unser erster Gedanke war, da muss die Lebensmittelindustrie dahinter stecken. Und siehe da, auf Seite 2 der Ausgabe ist ganz unten zu lesen: Unser Kooperationspartner für diese Ausgabe: Die Lebensmittelindustrie.

Hier nimmt also offensichtlich die Lebensmittelindustrie Einfluss auf die Inhalte der Zeitung. So etwas darf nicht sein. Eine Zeitung, die im Rahmen des Schulunterrichtes unsere Kinder über Sachverhalte aufklärt, muss unabhängig sein, neutral berichterstatten und alle Aspekte, also Pro und Contra vermitteln!

Zucker, wie ihn uns die Natur zur Verfügung stellt, macht in der Tat nicht krank. Dieser Traubenzucker in Samen (z.B. Weizen, Roggen, Hafer), Hülsenfrüchten (z.B. Linsen, Bohnen, Erbsen) oder Knollen (z.B. Kartoffeln) ist für unseren Körper ein wichtiger Energielieferant.

Rübenzucker hingegen, der im Artikel ausführlich vorgestellt wurde, brauchen wir NICHT zum Leben! Er ist hochverarbeitet und enthält keine Ballaststoffe mehr. Dadurch wird er vom Körper sehr schnell in Energie umgewandelt. 

Rübenzucker, auch Kristallzucker genannt, ist ein sogenannter Zweifachzucker. Das heißt er besteht zu 50 % aus Traubenzucker (Glukose) und zu 50 % aus Fruchtzucker (Fruktose).

Traubenzucker kann von jeder Körperzelle aufgenommen werden und in Energie umgewandelt werden. Fruchtzucker wiederum NUR von der Leber. Die Leber baut diesen Fruchtzucker in Traubenzucker um und gibt ihn ins Blut ab oder speichert ihn wie oben bereits beschrieben. Da gerade in Softgetränken und Säften sehr viel mehr Fruchtzucker steckt als der Körper braucht, wandelt die Leber diesen Überschuss in Fett um.

Aktuelle Studie: Jeder dritte 8-Jährige Junge ist übergewichtig oder adipös

Diese Fakten hätten den Artikel zudem vervollständigt: Das österreichische Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (BMGF) hat 2017 an der "Childhood Obesity Surveillance Initiative" (COSI) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilgenommen. Insgesamt waren rund 2.500 Volksschulkinder der dritten Schulstufe aus ganz Österreich beteilig. Die Studie hat ergeben: Österreichweit wurden etwa 30 Prozent der achtjährigen Buben als übergewichtig oder adipös eingestuft. Bei den gleichaltrigen Mädchen gab es deutliche regionale Unterschiede: ca. 29 Prozent im Osten und ca. 21 Prozent im Westen/Süden sind übergewichtig oder adipös. Die Zahlen sind in Deutschland beinahe identisch.

Dies sind erschreckende Zahlen, daher kann man nicht genug Aufklärungsarbeit betreiben und Eltern, Erzieher und Kinder darauf hinzuweisen, wie wichtig zuckerreduzierte, vollwertige Ernährung und Bewegung sind.

Trag auch du diese Botschaft weiter, damit unsere Kinder gesund groß werden und ein glückliches, beschwerdefreies Leben führen können.

Eines ist uns noch wichtig: wir geben hier der Schule und vor allem den Lehrern keine Schuld. Sie müssen davon ausgehen, dass die Journalisten einer Schülerzeitung neutral berichterstatten.