Ewige Helden (VOX): Der Blick hinter die Kulissen und auf meine Zuckerwerte

Wie ist die Stimmung unter den Athleten, wie waren die Wettkämpfe, wie waren meine Zuckerwerte, wie hat sich mein Zuckermesssystem bewährt und vieles mehr.

Ewige Helden: v.l. Sven Hannawald, Christian Ehrhoff, Britta Heidemann, Matthias Steiner, Nadine Krause, Andrea Henkel, Kevin Kuske, Susi Kentikian. © VOX, MG RTL D / Markus Hertrich

Zum Auftakt der neuen Staffel „Ewige Helden“ möchte ich euch gerne einen Blick hinter die Kulissen gewähren, über den Umgang zwischen uns Sportlern berichten und vor allem auch darüber schreiben, wie es mir bei den Wettkämpfen mit meinem Diabetes erging. Ich bin ja seit meinem 18. Lebensjahr Typ1-Diabetiker, das heißt, meine Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin mehr, das für alle Menschen überlebenswichtig ist.

Zunächst muss man wissen, dass wir natürlich nicht 8 Wochen vor Ort sind um die Sendung zu produzieren. Das wäre bei acht Sportlern schon aus Termingründen nicht möglich. Niemand kann sich so lange frei nehmen. Also haben wir das Ganze etwas kompakter produziert und sind dabei aber immer noch auf knapp 4 Wochen gekommen.

Das bedeutet natürlich für alle, es wird hektischer und es muss in 4 Wochen wirklich jede Kleinigkeit „im Kasten“ sein. Eine wahnsinnige Herausforderung für die Produktionsfirma, aber auch für uns Protagonisten heißt das: Der Tag bräuchte eigentlich mehr als 24 Stunden.

Für mich stand die große Frage im Raum, wie ich das wohl mit den Zuckerwerten hinbekomme. Denn niemand durfte mir vorher aus Fairnessgründen sagen, wann wir welche Wettkämpfe machen, wie lange sie dauern und vor allem wie anstrengend sie werden. Zumal für jeden Sportler etwas anderes anstrengend ist, gerade bei den „Ewigen Helden“.

Ich war auf jeden Fall ausgerüstet mit genügend Insulin, Pflaster für mein Eversense XL System, Blutzuckermessgerät samt Zuckermesstreifen, falls der Sensor meines kontinuierlichen Glukosemesssystems aus irgendeinem Grund ausfallen sollte, Reserve-Insulinpumpe und sonstigem Diabetesbedarf. Das alleine hatte schon mindestens Handgepäcksgröße. Es wurden alle Beteiligten von mir auf die Schnelle „geschult“, damit zumindest ein Grundverständnis da ist, falls es durch mich  zu ein paar Minuten Verzögerung kommen sollte. Ich wollte auf gar keinen Fall mit zu niedrigem oder viel zu hohem Wert in einen Wettkampf starten, damit ich auch faire Bedingungen habe.

Für einen Gesunden ist es schwer zu verstehen, was es heißt Diabetes Typ1 zu haben

Das Verständnis für meinen Diabetes Typ 1 war da, aber ich glaube so recht verstanden haben es die Wenigsten. Und das meine ich durchaus nicht böse, denn wenn ich als Betroffener  schon 1-2 Jahre brauche, um nach der Diagnose alles zu verstehen, wie soll ein Gesunder damit umgehen, wenn es noch nicht mal sein privates Umfeld betrifft.

Aber ich wollte auch nicht zu viel Aufmerksamkeit darauf lenken oder gar wirken, als suchte ich Erklärungen, falls es bei mir nicht so gut läuft. Im Gegenteil, wir Typ1er neigen ja eher dazu, es zu verheimlichen anstatt damit zu prahlen. Eine gute Mischung aus beidem ist perfekt. Dezente Zurückhaltung und doch soll jeder wissen, was wir da eigentlich leisten! Wir Typ1er versuchen mit komplizierten Behandlungssystemen Insulin so geschickt zu injizieren, dass wir die Zuckerwerte gesunder Menschen erreichen. Dies gelingt uns bisher leider nicht ganz, die Glucosewerte sind schlechter als bei Nicht- Diabetikern. Aber immerhin haben wir heute Messsysteme mit denen wir permanent unseren Zucker messen können. Bei mir ist das dieses kleine schwarze Teil an meinem Oberarm, das euch sicherlich schon aufgefallen ist. Mit diesen Hilfsmitteln können wir ganz gut leben, auch wenn wir manchmal eben nicht ganz so leistungsfähig sind wie ein Gesunder. Würden wir kein Insulin spritzen, wären wir innerhalb weniger Tage tot.

Für mich war es wichtig, vor der Abreise keinen Fehler zu machen. Ich nahm alle meine Diabetesvorräte im Handgepäckskoffer mit. Zur Sicherheit, falls der aufgegebene Koffer nicht ankommt. Dass ich vor Ort sofort an Katheter oder Auffüllsysteme für die Pumpe komme, bezweifelte ich stark. Und siehe da, in Malaga war mein Koffer nicht da. Ich hatte nämlich eine Zwischenlandung in Zürich und dort hing er wohl fest. Also, alles richtig gemacht, meine „Zuckersachen“ hatte ich mit. So konnte es trotzdem gleich Richtung Hotel gehen. Das Schöne an der Produktion war, dass uns alles abgenommen wurde, was wir so tagtäglich brauchten. Bei mir ging es gleich los mit dem Kauf von Unterhosen, Socken, Zahnbürste usw., denn mein Koffer sollte erst nach Beginn der ersten Wettkämpfe ankommen.

Am Anreisetag trudelte ein Sportler nach dem andern ein und es war langsam wieder so ein Wettkampfkribbeln bei allen zu spüren, wenngleich wir auch nicht um Olympisches Gold kämpften. Aber jeder hatte so seine Erfahrung und vor allem Erinnerungen im Gepäck und in diesen Erinnerungen schwelgten wir gleich bei Tee und Kaffee. Und wir konnten noch nicht mal die Dreharbeiten abwarten und mussten uns gegenseitig ausfragen, was der andere jeweils beruflich macht.

Später bekamen wir noch die „Ewige Helden-Dienstkleidung“ und wurden gemessen und gewogen, um faire Wettkämpfe zu haben. Allerdings haben wir vor dem Essen erfahren, dass wir danach gewogen werden. Jeder normale Mensch würde einfach essen wie immer, nur bei uns hat man gesehen, wie zurückhaltend einige waren…

Jetzt gibt es ja bei den „Ewigen Helden“ 24 Wettkämpfe, die allesamt spannend sind und schöne Bilder liefern. Nur, von den Wettkämpfen alleine kann diese Sendung nicht leben und so wird natürlich fast rund um die Uhr gedreht, um Interviews zu führen oder auch den Alltag in unserer gemeinsamen Villa festzuhalten. Deswegen durfte am ersten Tag der Einzug in besagte Villa nicht fehlen, denn uns blieben ganz schön die Mäuler offen stehen, als wir sahen, wie wir die nächsten 4 Wochen residieren. Die Krönung kam dann noch als wir erfuhren, dass wir einen eigenen Koch haben, der uns jeden Abend mit frischem Essen versorgt. Jetzt lag es also wirklich nur noch an uns, wie gut wir bei den Wettkämpfen abschneiden.

Natürlich hat alles Schöne auch einen Wermutstropfen. Es hieß von nun an jeden Morgen bei Sonnenaufgang raus und Dreharbeiten häufig bis spät in die Nacht, also es war kein Urlaub in der Villa. Bei allem Drehstress wurden wir aber auch am Set mit frischem Essen köstlich versorgt. Das beruhigte mich und meinen Diabetes auch, weil ich viel Auswahl hatte und so meine Zuckerwerte ganz gut steuern konnte.

Erster Wettkampf: "Stehvermögen" - eine Balanceakt! © VOX, MG RTL D / Markus Hertrich

Erster Wettkampf: „Stehvermögen“ – ein Balanceakt für meine Zuckerwerte

Nun stand der erste Wettkampf an, der für mich sehr schwer einzuschätzen war. Er hieß „STEHVERMÖGEN“. Dies bezog sich natürlich nicht auf ein ganz bestimmtes Körperteil, sondern auf den ganzen Körper :-).  Wir sollten auf einem schmalen Balken stehend über einen Flaschenzug mit den Händen unser eigenes Körpergewicht halten. Zunächst eine physikalische Tatsache: Je schwerer du bist, umso schwerer wird´s für dich… Kevin mit seinen 119 kg und ich mit meinen 108 kg Körpergewicht sind die Schwersten in der Truppe. Es kommt noch Balancegefühl hinzu und zu guter Letzt auf die Dauer des Wettkampfes. Du hast keine Ahnung wie lange du stehen musst, weil du ja nicht weißt, wie lange die anderen stehen. Also für meine Zuckerwerte nicht ideal, weil ich nicht wusste mit welchem Wert ich starten sollte, bzw. hatte ich keine Ahnung, wie stark die Belastung sein würde aufgrund der fehlenden Zeitangabe. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mit einem Glukosewert von 200 mg/dl zu starten und zu hoffen, dass es reicht.

Der Wettkampf schien loszugehen, die einzelnen Positionen wurden nochmal eingerichtet auf die jeweilige Körpergröße und alle waren etwas angespannt.  Doch dann dauerte es noch ein paar Minuten, da bei einer Kamera etwas noch nicht funktionierte. Ein Grundsatz bei den „Ewigen Helden“ ist, dass wenn der Wettkampf gestartet wird, nicht mehr abgebrochen wird. Nur dann ist es echt, authentisch und fair. Finde ich super, aber die Vorbereitung dauert eben umso länger, damit kein Fehler passiert. Dann, wenn es soweit ist, werden wir von Markus Wasmaier anmoderiert und müssen auf Position gehen. Auch da läuft nicht immer alles glatt und wir müssen manchmal noch warten. Jetzt habe ich zwar noch einmal die Chance den Blutzucker zu kontrollieren, aber ich kann nicht mehr viel ändern, denn es geht los. Zwischenzeitlich war mein Glukosewert auf 250 mg/dl gestiegen, aber ich korrigierte doch nicht mehr, da ich eben nicht wusste, wie lange es geht. Die Basalrate meiner Pumpe habe ich auf die Schnelle auch nicht reduziert, da ich nicht wollte, dass sie während des Wettkampfes womöglich vibriert und mich in meiner Konzentration stört.

Endlich, das Startzeichen fiel und alle standen wie angewurzelt. Doch dann merkte ich bei mir schnell, dass mein Körpergewicht von 108kg doch etwas hinderlich war und meine Oberarmmuskulatur keine Freude mit dieser Übung hatte. Allerdings merkte ich auch, dass sich noch jemand schwer tat, nämlich Kevin. Der erfolgreichste Bobsportler aller Zeiten ist noch etwas schwerer als ich und hat eine Muskulatur, die auf kurze, schnelle Sprints ausgelegt ist. Jetzt wollte natürlich im ersten Wettkampf niemand der Erste sein, der absteigen muss. Aber es geht ja nicht anders, nach gefühlt ewigen 9 Minuten musste dann doch Kevin zuerst runter vom Holz, weil einfach seine Muskulatur dafür nicht gemacht ist. Ich fühlte mich auch nicht mehr wirklich wohl bei dieser Art von Belastung, aber ich dachte mir, vielleicht kann ich ja doch noch ein, zwei Athleten hinter mir lassen.

Nach weiteren, langen 4 Minuten kam ich kurz ins Straucheln und verlor die Balance, drehte mich einmal im Kreis und konnte dann auch nur noch absteigen. Naja, ich war zwar nicht Letzter, aber ruhmreich möchte ich es auch nicht nennen. Mein Abgang fühlte sich komisch an und ich glaube, es sah auch so aus… Insbesondere weil uns Andrea mit ihrem 90-minütigen Stehvermögen richtig alt aussehen ließ.

Der erste Wettkampf war vorbei, das Gefühl war nicht gerade schön und mir fiel noch etwas auf: Wir werden oft und lange der Sonne Spaniens ausgesetzt sein. Auch das musste ich bei meinem Diabetes mit einkalkulieren, da der Körper darauf reagiert.

Selbstgewähltes Schicksal! Mein eigenes Mitleid hielt sich in Grenzen.

Mit gemischten Gefühlen ging es dann zur Villa und wir drehten die Ankunft in den jeweiligen Zimmern. Ich teilte mir mit Christian Ehrhoff eines. Eine Eishockeylegende: Olympiasilber 2018 und davor 13 Jahre in der NHL, der besten Eishockeyliga der Welt. Ich war begeistert, zumal ich als Kind auf unseren zugefrorenen Teichen viel Eishockey gespielt habe und auch heute noch oft auf den Kufen stehe.

Wir lernten uns kennen und auch gleich schätzen und beim Abendessen hat sich das gleich auf die ganze Truppe ausgedehnt. Wir alle mochten uns auf Anhieb sehr und es war gleich zu Beginn schwer, einen Konkurrenten in dem jeweils anderen zu sehen. Zu viel gegenseitiger Respekt vor der erbrachten Leistung und absolute Wertschätzung füreinander. Ich fühlte mich sehr wohl bei den Helden. Abgerundet durch ein feines Abendessen vergaß ich auch ein bisschen meinen Diabetes.

Am nächsten Morgen ging es früh aus den Federn. Morgenstimmung wurde gedreht, das hieß, Frühstück musste vor Sonnenaufgang beendet sein und wir drehten dann, wie wir uns auf den Wettkampftag vorbereiten. Dann erst ging es richtig los zum nächsten Kampf: "ABGEWICKELT".

Zweiter Wettkampf: „Abgewickelt“ – oder wenn der Kopf woanders ist


Wir durften die Wettkampfstätte wirklich erst kurz vorher begutachten und wussten trotzdem nicht so richtig, was uns erwartet. Klar war nur, bei diesem Ausscheidungskampf musste nach jeder Runde einer gehen. Wir sollten ein Seil, das an uns gebunden war, mit unserem Körper von einem querliegenden Balken abrollen und wenn wir meinten, es wäre lang genug, loslaufen und möglichst über die Ziellinie kommen. Die Krux: Die Wegstrecke war bei jedem Durchgang anders und somit konnten wir nur schätzen, wie oft wir das Seil abwickeln sollten.

Ich habe mich dabei auf intensive Belastung eingestellt, aber immer wieder mit kurzen Erholungsphasen. Das kommt einem ehemaligen Gewichtheber schon entgegen. Ich habe den Zucker durch Essen wieder etwas höher beim Start eingestellt, ca. 180mg/dl, aber eben nicht zu hoch, da ich ja in den kurzen Umbaupausen einen Traubenzucker essen konnte. Die Basalrate habe ich nicht angerührt. Der Plan ging auf. Allerdings diesmal sehr enttäuschend kurz, denn eigentlich fühlte ich mich in diesem Wettkampf wohl, habe aber einen kapitalen Fehler gemacht. Nachdem ich Susi und Kevin in den ersten beiden Runden hinter mir lassen konnte, war ich beim 3. Durchgang zu nachlässig. Ich hatte ganz gut abgerollt und auch die notwendige Länge des Seils, dann drehte ich mich nochmals zur Seite und sah Britta und Nadine noch auf dem Balken. Also lief ich, warum auch immer, gemächlich zur Ziellinie anstatt zu sprinten. Und als ich über der Ziellinie war, waren die Mädels um eine Fußlänge vorher drüber. Ihr könnt euch vorstellen, wie man sich da ärgert, wenn man selbst Schuld ist. Abhaken, Wettkampf vorbei.

Dritter Wettkampf: “Schlag auf Schlag“ - endlich was für Kraftpakete

Es stand also nur noch ein Wettkampf an und das war für diese Woche Susi´s Heimspiel. In jeder Woche eines Athleten, gab es ein Heimspiel, das der Athlet selbst mitentwickeln durfte. Es musste aber fair für alle sein, man durfte selbst nur einen kleinen Vorteil haben.

Das Spiel nannte sich, passend zu einem Boxchampion "SCHLAG AUF SCHLAG". Drei Wände, unzählige eingearbeitete Stäbe und zwei Boxhandschuhe. Wir mussten versuchen so schnell wie möglich alle Stäbe komplett zu versenken und zwischen den drei Wänden auch noch zu sprinten. Auch das kam mir nicht wirklich ungelegen und ich freute mich riesig darauf. Den Glukosewert konnte ich moderat einstellen und startete mit 140 mg/dl, da der Kampf höchstens eine gute Minute dauern würde.

Das Sprinten lief gut bei mir, das Schlagen war nicht ganz so schnell aber konstant und vor allem habe ich alle Stäbe versenkt und bekam keine Strafsekunden, wie manch anderer. Am Ende reichte es für einen 3. Platz und Kevin konnte den Sieg davontragen.

Ich hatte insgesamt eher ein durchschnittliche erste Wettkampfwoche und auf jeden Fall noch Luft nach oben. Für meinen Körper und damit für meinen Diabetes war es überraschend wenig Belastung, aber die Ungewissheit vor jedem Wettkampf und die große Hitze machten mir doch zu schaffen. Auf eines konnte ich mich jedoch verlassen, auf mein Eversense XL System, das mir bis dato alle Werte rechtzeitig angezeigt hat. 

Habt ihr Fragen oder Anregungen? Dann schreibt mir Kommentare auf Facebook.