Die VOX Sportler-Doku „Ewige Helden“ ist zu Ende - Mein Fazit aus der Sicht eines Diabetikers

Wie plane ich einen Wettkampf vor, mit welchen Zuckerwerten starte ich und wie reagiere ich auf Unvorhergesehenes.

Von links nach rechts: Plankenlauf, Schwertransport, Stehvermögen © VOX, MG RTL D / Markus Hertrich

Die „Ewigen Helden 2019“ sind Geschichte und ich gratuliere auf diesem Wege auch nochmal von ganzem Herzen Sven Hannawald zum Sieg. Ich glaube ihr werdet mir zustimmen, er hat es über die Wochen bewiesen, dass er den Sieg verdient hat! Aber Andrea Henkel hätte den Sieg natürlich genauso verdient. Eigentlich alle Athleten, denn keiner hat aufgegeben und immer bis zum Schluss gekämpft.

Ich selber bin nicht unzufrieden mit meiner Leistung, wenngleich ich mich natürlich ärgere, dass ich so knapp die Play-Offs verpasst habe. Aber das ist Sport und so viel kann ich sagen:

An meinem Diabetes hat es nicht gelegen!

Obwohl es natürlich manchmal schon eine Tortur war, die Werte einigermaßen durch die spanische Sommersonne zu bekommen. Und das war ja nur ein Aspekt für ausschlagende Zuckerwerte.

Ich habe natürlich versucht, so gut wie möglich vorzusorgen und bei jedem Wettkampf mit idealen Werten an den Start zu gehen. Nur, was sind ideale Werte, wenn man ungewiss lange stehen muss, um sein eigenes Körpergewicht zu halten, wie zum Beispiel als ich auf einem kleinen, wackligen, schrägen Brett stehen und mich an einem Seil festhalten musste, unter mir das Wasser des Hafenbeckens? Wie soll der Wert sein, wenn ich so lange wie möglich mein eigenes Körpergewicht in Form von schwingenden Säcken, die links und rechts an einer Hantelstange befestigt waren, durch eine brütend heiße Stierkampfarena tragen soll? Was ist der Idealwert bei einem Ausscheidungswettkampf, der nach 2 Minuten oder aber erst nach 20 Minuten vorbei sein kann und bei dem man an seine körperlichen Grenzen geht- wie bei „Schwertransport“, wo wir Runde um Runde einen Schlitten durch den Sand ziehen mussten, der nach jeder Runde mit schwereren Gewichten beladen wurde?!

Zwischendurch bescherte ich mir noch einen zusätzlichen Adrenalinkick, als ich den Transmitter meines Eversense XL CGM-Systems versehentlich im 4 Meter tiefen Hafenbecken versenkte. Er war mir beim Sprung ins Wasser abgegangen. Das schwarze Gerät an meinem Oberarm überträgt die Zuckerwerte auf mein Handy. Ohne Transmitter wäre ich aufgeschmissen gewesen. Denn der Eversense half mir, die Werte bis kurz vor den Wettkämpfen stabil zu halten … Zum Glück ist mir Tauchen nicht fremd und ich konnte ihn selbst am schlammigen Grund bei schlechter Sicht wieder finden. Und er funktionierte noch!

Bei Wasserspielen musste ich die Insulinpumpe ablegen und vorsichtshalber auch den Transmitter meines Messgerätes

Apropos Tauchen. In der Woche von Sven Hannawald hatten wir einen Wettkampf, der nannte sich „Treffsicher“. Wir sollten eine ordentliche Strecke ins offene Meer schwimmen, dann 2-3 Meter abtauchen, Ringe raufholen, zurückschwimmen und die Ringe ins Ziel bringen. Das Ziel waren 3 Stäbe. Pro Stab musste ein Ring eingefädelt werden. Insgesamt mussten wir 3x hin und her schwimmen.

Wie sollte ich dieses Spiel berechnen? Erschwerend zu der Einschätzung über die Anstrengung selbst kam noch hinzu, dass sich der Start etwas verzögerte, da die Bojen im offenen Meer nicht an einer Stelle blieben. Wir standen und es war ungewiss, wie lange wir warten mussten. Das war für mich echt die größte Herausforderung, denn wenn der Zucker zu stark steigt, geht mir etwas früher die Luft aus. Ich machte meine Insulin-Pumpe ab, da ich nicht mehr als 20 Minuten für das Spiel berechnet hatte. Länger als 50-60 Minuten sollte man die Pumpe ja nicht ablegen, da unser Körper eigentlich immer Insulin braucht, wenn auch nur wenig. Den Transmitter machte ich auch ab, denn im offenen Meer wollte ich ihn nicht verlieren. Das Meer wäre um ein Plastikteil reicher…

Halteübungen und Ausscheidungswettkämpfe waren für mich als Diabetiker schwer einzuschätzen © VOX, MG RTL D / Markus Hertrich

Jedenfalls habe ich so vorgesorgt, dass ich mit einem nicht viel zu hohen Wert von 180 mg/dl startete. Somit sollte es eigentlich keine Gefahr von Unterzuckerung geben, auch wenn es etwas länger dauern sollte. Zur Sicherheit habe ich mir Traubenzucker zur Ringwurfstation gelegt, sollte es doch länger dauern. Das Produktionsteam bat mich darauf zu achten, dass ich ihn unauffällig esse, denn das Bild muss bei den „Ewigen Helden“ schon sehr ästhetisch wirken, was ich auch verstehen kann. Aber ich brauchte ihn gar nicht, weil ich die Situation richtig eingeschätzt hatte.

Beim Teamwettbewerb war Traubenzucker  unumgänglich

Am Schwierigsten einschätzen konnte ich jedoch die Halteübungen, da ich nie wusste wie anstrengend es wirklich wird für meinen Organismus. Denn wenn viele Muskeln schnell und extrem gefordert werden, dann ist mir klar, ich brauche Zucker. Aber etwas lange halten oder sich festhalten, wo vielleicht nur eine Muskelgruppe gefordert wird, ist schon etwas Anderes. Da weiß ich nicht, wie belastend es wird. Es war eigentlich immer weniger belastend für den Zuckerstoffwechsel als ich dachte. Einmal allerdings -ich bestritt mit Sven den Teamwettkampf und wir mussten gemeinsam eine Holzscheibe so lange wie möglich in der Luft halten- war der Griff zum Traubenzucker unumgänglich. Ich konnte nicht ahnen, dass wir fast eine Stunde durchalten würden. So ertastete ich mit meiner freien Hand in meiner Hosentasche den Traubenzucker. Gott sei Dank hatte ich ihn schon zuvor ausgepackt!

Die schwierigste Vorbereitung war jedoch für den „Plankenlauf“ in der Woche von Christian Ehrhoff. Der Plankenlauf war zwar nach 4 Minuten zu Ende, jedoch war es auspowern pur, denn wir mussten je eine Liegestütz machen und einmal kopfüber die Wand hochgehen. Wir gingen echt an unsere Grenzen und damit ich überhaupt irgendwie konkurrenzfähig war, musste der Zuckerwert davor perfekt passen und sollte nicht höher als 160mg/dl sein. Aus meiner Erfahrung aus dem Leistungssport war es aber fast noch wichtiger, dass ich direkt vor dem Wettkampf nicht zu viel Insulin spritzte, denn sonst wäre der Mineralstoffhaushalt im Muskel gestört und dieser nicht so leistungsfähig. Fatal, wenn man jede Faser braucht.

Bei längeren Spielen brauchte ich zwischendurch flüssigen Zucker

Kevins Heimspiel „Schwertransport“, wo wir den Schlitten durch den Sand ziehen mussten, kam mir eigentlich ganz gut entgegen, da es eine starke Belastung war, die nicht zu lange andauerte und immer wieder Pausen dazwischen entstanden. Diese reichten mir, um mich vollständig zu erholen. Genau wie beim Gewichtheben. Jedoch war das Problem: es war ein Ausscheidungswettkampf und ich wusste nicht wie lange jeder einzelne Durchgang dauern würde. Gefühlt etwa 1 Minute Vollgas. Als ich dann aber merkte, dass die Umbauphasen der Produktionsmitarbeiter doch etwas dauerten, wurde ich leicht nervös und holte mir noch etwas Flüssiges als Zuckerspender. Denn insgesamt dauerte dieser Wettkampf gute 20 Minuten und bei solch einer Belastung verändern sich die Werte rasch. Auch hier galt: Ich durfte zuvor keine zu hohen Werte und nicht zu viel Insulin gespritzt haben. In jeder Pause führte ich mir etwas Zucker zu und kam gut über die Runden. Diesen Wettkampf konnte ich sogar gewinnen.

Ruhige Nächte dank meines Eversense XL CGM-Systems

Abends, in unserer Villa, hatte ich mir eigentlich vorgenommen nicht zu kohlenhydratlastig zu essen, um in der Nacht stabile Werte zu haben. Wir aßen nämlich sehr spät und wollten früh ins Bett, da um 7 Uhr Tagwache war. Da wollte ich  nicht ständig schätzen müssen, was ich alles gegessen habe und hoffen, dass ich die richtige Menge Insulin gespritzt hatte. Unser Koch war jedoch so spitze, dass ich einfach alles essen musste und so kam es, dass ich meist weniger Schlaf hatte, weil ich nach dem Spritzen noch lange genug wach sein wollte, um zu sehen, ob ich alles richtig gemacht habe. Klingt jetzt richtig anstrengend, ist es meist auch, aber es war jeden Bissen wert!

Hier war mein Glukosemessgerät von großem Vorteil, weil ich die Werte zuverlässig angezeigt bekam. Wenn es mir zeigte, dass sich der Wert stabilisiert hatte (dann zeigt der Pfeil waagrecht, was bedeutet, dass der Wert in der nächsten Zeit konstant sein wird), konnte ich beruhigt schlafen gehen.

Überhaupt war die Abendessenszeit sehr schön, weil wir alle wirklich in Ruhe Zeit für uns hatten und viel gegenseitig von uns erfahren konnten. Diese Erfahrung möchte ich nicht mehr missen. Sie ist für mich von großem Wert!