Diabetes-Blog: Ich habe einen neuen Mitbewohner, den Eversense XL, der kontinuierlich meinen Glukosewert misst

Mein Weg vom jahrelangen Blutzuckermessen, über einige Monate FGM hin zum CGM oder: warum ich mich für den Eversense entschieden habe

Keine 2 Zentimeter ist der Eversense Sensor klein. Dieser Sensor wurde mir nicht eingesetzt, den hat der Arzt nur zum Vorzeigen :-)

Wie viele von euch wissen, bin ich, Matthias Steiner, Typ-1-Diabetiker. Nicht erst seit gestern, sondern schon mein halbes Leben lang. Die Diagnose wurde mir einen Tag vor meinem 18. Geburtstag gestellt. Ich bin damit Olympiasieger, Weltmeister und Europameister im Gewichtheben geworden, hab einen Handwerksberuf erlernt und habe auch sonst allerhand damit „gestemmt“.

Für alle, die nicht wissen was Typ-1-Diabetes ist: Typ-1 ist eine Autoimmunerkrankung. Das eigene Immunsystem greift die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse an und zerstört diese für immer. Das heißt, der Körper kann kein Insulin mehr produzieren und der Betroffene muss sich ab diesem Zeitpunkt ein Leben lang Insulin spritzen und seinen Blutzucker messen, also kontrollieren, ob er im Normbereich liegt. Für uns Diabetiker (egal, ob Typ-1 oder -2 oder einer Mischform) ist enorm wichtig, dass unser Blutzucker gut eingestellt ist. Denn wenn der Zucker im Blut zu hoch ist, wird der ganze Körper in Mitleidenschaft gezogen und das kann wiederum langfristig zu Folgeerkrankungen wie Nierenschäden, Herzinfarkt, chronischen Wunden, Erblindung, Schlaganfall etc. führen. Um das zu vermeiden spritze ich mir manuell Insulin, was bei einem Stoffwechselgesunden automatisch die Bauchspeicheldrüse erledigt. Wir „Dias“ fahren also Gangschaltung, der Rest der Welt Automatik. Zu wenig Zucker im Blut ist auch nicht gesund, daher muss ich dann ebenfalls gegensteuern indem ich etwas Zuckerhaltiges esse oder trinke.

Diabetes Typ-1: Genetische Ursachen + Umweltfaktoren

Warum das Immunsystem die Zellen zerstört, weiß die Forschung bis heute nicht genau. Wissenschaftler vermuten, dass bei der Entstehung von Diabetes Typ-1 die Gene eine Rolle spielen und bestimmte Umweltfaktoren oder Virusinfektionen den Diabetes auslösen können. In meinem Fall war ein von mir zu wenig beachteter viraler Infekt der Auslöser. Ich war 17 Jahre alt, fühlte mich jung und stark und als ich eine Erkältung mit Fieber bekam, nahm ich diese auf die leichte Schulter, schluckte ein paar Medikamente, ging weiterhin auf die Baustelle (ich machte zu dieser Zeit eine Lehre zum Gas-/Wasserinstallateur und Heizungsbauer) und anschließend ins Training. Das war zu viel für meinen Körper. Wenige Wochen später bekam ich die Quittung: Diagnose Diabetes-Typ-1.

Viele Jahre habe ich meinen Blutzucker mit einem Messgerät gemessen und auf Pen-Therapie gesetzt

Seither muss ich also meinen Blutzucker messen und die Insulinabgabe manuell steuern. Bis vor einem halben Jahr habe ich meinen Blutzucker mit einem Messgerät gemessen. Dazu musste ich mir mehrmals am Tag mit einer Stechhilfe in den Finger pieksen. Der Blutstropfen kam auf den Messtreifen meines Messgerätes und das spuckte meinen aktuellen Wert aus. An Trainingstagen musste ich mir 10-15-mal, an Wettkampftagen 15-20-mal in den Finger stechen, so dass einige meiner Finger von den ganzen Einstichen schon eine dicke Haut hatten.

Immer wieder wurde ich darauf angesprochen, warum ich denn kein FGM (Flash Glucose Monitoring) oder CGM (Continuous Glucose Monitoring) nutze, dann würde das lästige Stechen ein Ende haben, zudem könne man seine Werte viel besser kontrollieren.

Während meiner aktiven Zeit als Gewichtheber konnte ich mir das absolut nicht vorstellen. Zum einen waren vor ungefähr 10 Jahren die Messergebnisse noch deutlich zeitverzögerter als heute. Das heißt, wenn ich die Werte auf dem Monitor abgelesen hätte, hätten sie nicht mit den tatsächlichen Blutzuckerwerten zusammengepasst, da der Blutzucker sich bei extremen körperlichen Belastungen sehr schnell verändert. Und zum anderen habe ich durch das ständige Training extrem viel geschwitzt. Ein Pflaster auf meiner Haut hätte beim besten Willen nicht gehalten und schon gar nicht 2 Wochen lang. Das war auch der Grund, warum ich in dieser Zeit keine Insulinpumpe getragen habe. Hier muss man sich einen Katheter setzen, der ja auch mit einem Pflaster am Körper fixiert wird. Auch wollte ich ehrlich gesagt keinen Fremdkörper ständig mit mir rumschleppen. Zudem hatte ich Angst, dass ich mich am Schlauch verheddere oder die Kinder ihn mir versehentlich rausreißen.

Ein Leben ohne Insulinpumpe kann ich mir nicht mehr vorstellen

Nach dem Ende meiner Gewichtheberlaufbahn habe ich mich dann aber doch durchgerungen die Insulinpumpe, eine Accu-Chek Combo, zu testen. Das war im Jahr 2014. Ich erinnere mich noch genau, dass ich mir damals gesagt habe: ‚Ich probiere das Ding jetzt aus, aber wenn es mich stört, dann mach ich die Pumpe sofort wieder ab und spritze wieder mit dem Pen! ‘ Aber bereits nach der ersten Nacht war ich komplett von dem Gerät überzeugt, weil ich super stabile Werte hatte, was bei mir nachts nicht immer der Fall war.

Schon nach wenigen Tagen wollte ich die Pumpe nicht mehr missen. Mein HbA1c-Wert hat sich seither verbessert, weil ich meine Insulinzufuhr viel besser steuern kann. Das Gerät an meinem Körper hat mich kein einziges Mal gestört, auch der Schlauch nicht. Außerdem kann man die Insulinpumpe ja auch ablegen, wenn man zum Beispiel in die Sauna oder Schwimmen geht. Ich kann mir ein Leben ohne Pumpe nicht mehr vorstellen. Anfänglich hat sich bei mir öfter das Pflaster des Katheters abgelöst, weil ich ihn zur falschen Zeit gesetzt hatte. Inzwischen habe ich gelernt, den Katheter nie vor dem Sport zu setzen, weil sich durch den vielen Schweiß der Kleber lösen würde. Ich achte also immer darauf, dass der Kleber erst seine volle Haftung entfalten kann, ich also möglichst in den ersten Stunden nicht schwitze.

Meine Zeit mit dem FGM-System und warum ich mich am Ende dagegen entschieden habe

Durch meine positiven Erfahrungen mit der Pumpe, war ich dann auch nicht mehr abgeneigt ein weiteres Objekt an meinem Körper zu tragen, wenn es mir denn weitere Vorteile bringen würde. Und so habe ich mich Anfang 2018 für ein FGM-System entschieden. Das  Flash Glucose Monitoring ist ein Verfahren der Glukosebestimmung in der Zwischenzellflüssigkeit. Das Gerät muss nicht durch Blutzuckerwerte kalibriert werden, wie das beim CGM der Fall ist, das heißt, das lästige in die Finger stechen entfällt komplett oder wird höchstens zur Überprüfung angewendet. Man bringt nur alle 2 Wochen einen Sensor mit einer sehr kurzen, weichen Nadel am Körper an und dieser Sensor misst dann alle 15 Minuten den Gewebewert.

Ich kenne viele die mit dem FGM zufrieden sind, daher möchte ich auch an dieser Stelle nur für mich sprechen, denn jeder muss für sich die ideale Lösung für sein ganz persönliches Diabetesmanagement finden.

Wer viel schwitzt und muskulös ist, für den ist das FGM weniger geeignet

Mit den Messergebnissen des FGM bin ich sehr zufrieden gewesen, allerdings hatte ich von Anfang an Probleme mit dem Sensor. Theoretisch soll der Sensor 14 Tage halten, in der Praxis hielt er bei mir nur ein einziges Mal diese 2 Wochen. Manche Sensoren funktionierten gar nicht, bei anderen begann sich bereits am ersten Tag der Kleber abzulösen, da ich nach wie vor viel schwitze und körperlich aktiv bin. Ich hatte zwar, wie ich es beim Kathetersetzen auch mache, den Sensor immer angebracht, wenn ich wusste, dass ich danach nicht direkt Sport mache, trotzdem musste ich wenige Stunden danach immer Rollenpflaster oder Fixiervlies über den Sensor kleben, damit er wenigstens einige Tage länger hielt. Damit konnte ich aber dennoch nicht erreichen, dass ich ihn die vollen 14 Tage nutzen konnte, denn auch das Pflaster löste ich bisweilen ab, natürlich meist fernab von zuhause, wo ich nicht sofort Ersatz zur Hand hatte. Ich bin auch in den paar Monaten, in denen ich das FGM nutzte, einmal am Türstock und ein anderes Mal an der Autotür hängengeblieben, wodurch der Sensor abgerissen und somit nicht mehr funktionstüchtig war.

Ich habe ehrlich gesagt absolut keine Lust mehr tausend „Zuckersachen und Ersatzteile“ mit mir herumzuschleppen, wenn ich zum Beispiel nur einen Tagesausflug mache. Zudem sah mein Arm immer wild aus, weil statt des Münzgroßen Sensors eine zugeklebte Fläche von 10x5 cm zu sehen war und diese Stelle nach nur einem Tag nicht mehr so schön aussah und später der Kleber nur schwer abging. Das Optische war aber das geringste Problem. Vielmehr störte mich, dass ich mich auf das System nicht zu 100% verlassen konnte. Was, wenn ich in den Urlaub fahre und der neu gesetzte Sensor sich ablöst oder erst gar nicht funktioniert? Was, wenn ich dann nicht genug Sensoren dabei habe?

Natürlich bekam ich die defekten Sensoren vom Hersteller sofort ersetzt, aber es war immer mit Ärger und Aufwand verbunden. Zunächst bist du sauer, dass der Sensor nicht hält, dann musst du den Hersteller informieren, musst warten bis der neue Sensor kommt und den alten musst du in einen bereitgestellten Umschlag packen und zurückschicken. Um es kurz zu machen, das FGM System war für mich nicht geeignet, so dass ich wieder zur konventionellen Blutzuckermessung zurückkehrte.

Selbstverständlich mache ich mich ständig schlau, was es sonst noch für Messsysteme auf dem Markt gibt. Unter anderem las ich vom CGM-System (Continous Glucose Monitoring) Eversense, bei dem die Glucose im Gewebe permanent gemessen wird. Hier schreckte mich ehrlich gesagt ab, dass man sich  alle 3 Monate einen Sensor vom Arzt implantieren, also unter die Haut einsetzen lassen muss. Ich las zwar in verschiedenen Internet-Foren über die Vorteile, aber deswegen einen Sensor einsetzen lassen?!? Will ich wirklich einen Fremdkörper unter meiner Haut tragen. Was, wenn sich die Wunde entzündet? Was, wenn das Gerät nach nur 1 Woche kaputt geht? Dann doch lieber weiterhin in den Finger pieksen.

Als ich dann aber las, dass es seit Mai 2018 den Eversense XL gibt, da wurde ich hellhörig. Der XL ist das einzige Langzeit- CGM-System bei dem die Glucose im Gewebe bis zu 6 Monate lang gemessen wird. Man hat also bis zu 6 Monate „seine Ruhe“ und muss nicht alle paar Tage oder bestenfalls alle 2 Wochen seinen Sensor wechseln, diese Tatsache überzeugte mich. Für die Dauer von 6 Monaten war ich bereit mir etwas einsetzen zu lassen, um das System zu testen.

Als ich gerade einen Antrag bei der Krankenkasse stellen wollte, traf ich auf einer Diabetesveranstaltung einen Vertreter von Roche Diabetes Care Deutschland, der mich fragte, ob ich den Eversense testen wolle. Mir wurde das Produkt vor Ort ausführlich vorgestellt und im Nachgang habe ich mich auch online noch einmal informiert. Mich haben die Vorteile überzeugt, sodass ich zugesagt habe.

Das Einsetzen des Sensors hat nur wenige Minuten gedauert und war überhaupt nicht schlimm.

Der Tag an dem ich meinen Mitbewohner, den Eversense XL bekam

Am Montag, den 11.06.2018 war es dann so weit. Ich ließ mir beim Diabetologen den Sensor einsetzen. Zuvor bekam ich eine ausführliche Produktschulung. Ich installierte die App auf meinem Handy, registrierte den Sensor. Das dauerte etwa 30 Minuten.

Das Einsetzen des Sensors dauerte nicht einmal 5 Minuten. Die Bezeichnung XL finde ich persönlich etwas irreführend, denn ich bin davon ausgegangen, dass der Sensor vergrößert wurde. Dem ist aber zum Glück nicht so. XL steht für die Verlängerung der Laufzeit von 3 auf 6 Monate. Der Sensor selbst ist nach wie vor nicht einmal 2 Zentimeter klein. Ich wurde örtlich betäubt und spürte dann einen kurzen Piekser, ähnlich wie bei einer Spritze, als mir der Sensor eingesetzt wurde und schon wurde die Miniwunde mit Steri-Strips geschlossen über die noch ein Pflaster gegeben wurde. Der Eingriff war überhaupt nicht schlimm. Etwa eine Stunde danach spürte ich einen Wundschmerz, der aber erträglich war. Abends merkte ich schon nichts mehr. Das Pflaster soll man 4-5 Tage drauf lassen, die Steri-Strips fallen von alleine ab.

Man sollte auf jeden Fall beim Eingriff sein Blutzuckermessgerät dabei haben, denn der Eversense ist nicht sofort einsatzbereit. Erst nach 24 Stunden beginnt man mit dem Kalibieren. Diese Zeit muss man mit dem Messgerät überbrücken und natürlich braucht man es täglich zum Kalibrieren. Das heißt, ich muss mich also auch in Zukunft stechen, aber eben nur maximal 2 Mal am Tag. Ehrlich gesagt finde ich das nicht schlimm, mich beruhigt es auch etwas, dann weiß ich, ob das Gerät auch richtig funktioniert.

Kalibrieren des Sensors am Folgetag. Die Aufregung ist groß, ob der Sensor funktioniert

Heute ist also der Tag danach, eben habe ich das Gerät zum ersten Mal kalibriert. Dazu muss man bei seinem Handy Bluetooth einschalten und dann den Smart Transmitter über dem Sensor mit einem Pflaster fixieren. Dazu musst du mit dem Transmitter über die Stelle fahren, wo der Sensor unter der Haut sitzt und wenn du die richtige Stelle gefunden hast, sagt dir die Platzierungshilfe in der App, dass du die richtige Position gefunden hast. Ging alles problemlos. Jetzt muss ich 2 Stunden warten, dann kalibriere ich erneut und erst dann erhalte ich meinen ersten Wert. Insgesamt muss ich heute 4 Mal kalibrieren. Danach nur noch 2 x am Tag.

Das zweite Kalibrieren steht an, wenn ich alles richtig gemacht habe und der Sensor richtig funktioniert, müsste ich gleich meinen ersten Wert haben. Diesen Moment habe ich auf Video festgehalten:

Ein spannender Moment - habe ich alles richtig gemacht? Erhalte ich meinen 1. Glukosewert?

Beim ersten Platzieren des Transmitters über den Sensor habe ich mir noch etwas schwer getan. Das hat schon einige Minuten gedauert und ich habe  gedacht, warum bekomme ich keine Signal? Ist womöglich was kaputt oder mache ich etwas falsch?  

Aber wie bei allem im Leben: man muss die Ruhe bewahren und es muss sich erst Routine einstellen, wenn man etwas Neues testet. Alles in allem lief das Kalibrieren problemlos. Das Gerät zeigt mir kontinuierlich meine Werte an. Jetzt wird getestet wie sich der Eversense im Alltag bewährt. Macht er Probleme beim Gewichtheben oder beim Krafttraining? Spüre ich den Sensor unter der Haut? Verheilt der Schnitt gut? Hält das Pflaster vom Transmitter auch bei Schweiß? Kann ich damit schwimmen gehen? Der Eversense hat ja auch einen Vibrationsalarm, der einen vor Hyper- und Hypoglykämien warnt. Darauf bin ich auch schon gespannt, ob das für mich hilfreich im Alltag ist.

Ich  halte euch natürlich auf dem Laufenden. Gerne könnt ihr mir auch via Facebook Fragen stellen.

Eines steht schon jetzt fest: ich werde kein wirkliches Pflasterproblem bekommen, denn der Transmitter muss sowieso jeden Tag abgenommen, aufgeladen und danach mit einem frischen Pflaster neu angebracht werden. Das kann man morgens während dem Zähneputzen oder Duschen machen.

Ich muss auch keine Angst davor haben, dass mir der Sensor abgeht oder versehentlich abgerissen wird, denn er ist ja jetzt mein Mitbewohner. Wird mir der Transmitter abgerissen, ist das kein Problem. Einfach mit frischem Pflaster neu fixieren.

Ich hoffe, der Eversense wird zum Freund in meinem Körper!